Vor dem Conference-League-Halbfinale: Rayo Vallecano unter Belagerung

Vor dem Conference-League-Halbfinale: Rayo Vallecano unter Belagerung

Das auffälligste Zeichen dieses Widerstands bilden die Bukaneros. Diese Ultra-Gruppe, die 1992 entstanden ist, pflegt die lokale Tradition des fiktiven 'Hafens' in Vallecas, einschließlich der berühmten Wasserschlacht im Juli. Für diese Anhänger ist ein Präsident, der ihre Werte missachtet, wie ein Zündfunke in einem Pulverfass.

Im Mai 2011 erwarb Presa für eine symbolische Summe unter 1000 Euro 98,6 Prozent der Anteile von der stark verschuldeten Familie Ruiz-Mateos. Dass der Klub bald darauf Insolvenz anmeldete, verstärkte das Misstrauen der Fans. Als Presa 2015 versuchte, Rayo zu einer globalen Marke zu machen und das Franchise-Projekt 'Rayo OKC' in den USA launchte, war der Bruch endgültig. Für die traditionsverbundene Fangemeinde stellte die Kommerzialisierung ihres Klubs einen unverzeihlichen Verrat an der lokalen Identität dar.

Der Vorfall mit Zozulya und die politische Provokation

Der Konflikt verschärfte sich 2017 mit der Verpflichtung des ukrainischen Stürmers Roman Zozulya. Die Bukaneros warfen ihm Verbindungen zu rechtsextremen Milizen vor; der öffentliche Druck wurde so intensiv, dass Zozulya den Verein verließ, ohne ein einziges Spiel absolviert zu haben. Zwei Jahre später eskalierten die Dinge beim Auswärtsspiel von Zozulya mit Albacete: Beleidigungen von den Tribünen führten zum ersten Spielabbruch aufgrund von 'Rassismus' in der spanischen Liga. Presa positionierte sich offen gegen seine eigenen Fans und vertiefte den Graben weiter.

Die ultimative Provokation ereignete sich während des Lockdowns: Presa lud die Führungsspitze der rechtsextremen Partei Vox in die VIP-Loge ein. Die Reaktion der Fans folgte prompt: Sie versammelten sich vor dem Stadion, um das Gebäude symbolisch zu 'desinfizieren' und bezeichneten Presa als 'nützlichen Idioten des Faschismus'.

Abseits der Politik beklagen die Fans systematische Repression: stark erhöhte Preise für Dauerkarten und Verbote von Fan-Artikeln. 2022 mussten Fans bei eisiger Kälte teilweise halb nackt ins Stadion, da Kleidung mit Bukaneros-Logos beschlagnahmt wurde.

Besonders umstritten ist Presas Handhabung der Frauenmannschaft. Nach ausstehenden Gehältern und gekürzten Budgets für Physiotherapie ernannte er 2022 Carlos Santiso zum Trainer, einen Mann, der in geleakten Sprachnachrichten über eine Gruppenvergewaltigung gewitzelt hatte. Trotz landesweiter Empörung hielt Presa an ihm fest: 'Wir stellen Profis ein, keine Menschen.' Das Ergebnis: Das ehemals erfolgreiche Team stieg in wenigen Jahren bis in die vierte Liga ab.

Stadionchaos und der Streit um die Identität

In der laufenden Saison 2025/26 nimmt die Misswirtschaft absurde Formen an. Trotz sportlicher Erfolge und der Gelegenheit, in der Conference League Geschichte zu schreiben, verfällt die Infrastruktur. Ein Spiel gegen Atlético Madrid musste nach Leganés verlegt werden, weil der Rasen in Vallecas unspielbar war. Die Fans antworteten mit einem Boykott, um einen dauerhaften Umzug aus ihrem Viertel zu verhindern.

Auch technologisch wirkt der Klub wie aus einer anderen Zeit: Es fehlen Online-Tickets und ein Webshop. Vor dem historischen Europapokal-Halbfinale gegen Strasbourg entstanden chaotische Schlangen an den Kassen, während die Ticketpreise beliebig in die Höhe getrieben wurden. Journalisten sprechen bereits von einem 'sozialen Bankrott'.

Der Streit um ein neues Stadion stellt die letzte Grenze dar. Für die Fans würde ein Umzug den Verlust ihrer Heimat bedeuten. In einem seltenen Moment der Einheit stehen auch die Spieler auf der Seite der Anhänger und kritisieren offen die miserablen Arbeitsbedingungen.

Es handelt sich um einen Kampf zwischen rechtlichem Eigentum und moralischem Anspruch. Während Presa die Aktien besitzt, sehen die Fans den Verein als ihr kulturelles Erbe. Und so ertönt seit über einem Jahrzehnt bei jedem Spiel derselbe Schlachtruf durch das Stadion: 'Presa, vete ya!' (Presa, verschwinde endlich!). Doch der Präsident hält stand, und der Konflikt dauert an.