EXKLUSIV: Desailly, die französische Legende, über WM Hoffnungen und die Chancen afrikanischer Teams
Sie waren vor dem Turnier oft als FIFA Botschafter im Einsatz. Was erwarten Sie von dieser Weltmeisterschaft auf einem Kontinent, wo Fußball nicht die dominierende Sportart ist?
„Ich bin sehr stolz auf diese Rolle, denn dort gibt es noch viel zu tun. Obwohl Fußball weltweit die Nummer eins ist, müssen wir einige Märkte erst richtig erschließen: Indien, China, Neuseeland, Australien, Thailand – und eben die USA und Kanada. Dort sind andere Sportarten führend.
In Amerika stehen vier oder fünf Disziplinen vor uns. Da gibt es Basketball, American Football, noch einmal Basketball, Baseball und Hockey. So realistisch muss man sein. Es ist großartig, nach 1994 endlich wieder hierher zurückzukehren. Wir waren lange weg, und es gibt eine spürbare Kluft zwischen unserer Wahrnehmung in Europa und der Realität vor Ort.
Wir neigen dazu zu glauben, dass die WM für jeden das größte Ereignis ist. Schaut man aber genauer hin, merkt man, dass die Begeisterung in den US Städten gar nicht so riesig ist. Die Stadien werden zwar voll sein, aber eine echte Fußball Leidenschaft im Alltag fehlt oft noch.
Organisatorisch wurde es geschickt gelöst. Das neue Online System für Ticketverkauf und Weiterverkauf steigert die Einnahmen. Dennoch stehen Kanada und die USA vor der riesigen Aufgabe, das langfristige Interesse am Fußball zu wecken. Dass nun 48 Teams teilnehmen, ist dabei Fluch und Segen zugleich.
Mehr Spiele bedeuten natürlich auch mehr Aufmerksamkeit. Ich kenne eine Statistik, nach der die Reichweite jedes einzelnen WM Spiels in den USA, Kanada und Mexiko dem Super Bowl in den Staaten entsprechen soll. Das zeigt die enorme globale Wirkung dieses Turniers, und darauf freuen wir uns sehr.“
Wo würden Sie Frankreich wenige Wochen vor Turnierstart im Kreis der Titelanwärter einordnen – besonders im Vergleich zu Teams wie Argentinien, Spanien, Brasilien und England?
„Wer das Freundschaftsspiel gegen Brasilien gesehen hat, dem ist der Klassenunterschied aufgefallen. Und mit der Rückkehr von Neymar könnte Brasilien sogar noch eine Schippe drauflegen. Mein erster Eindruck ist dennoch: Frankreich hat einen unglaublichen Kader. Rein von den Einzelspielern her verfügt keine andere Nation über so viel geballte Qualität.
Spanien wird eventuell noch stärker auftreten, Argentinien reist als Titelverteidiger an. Aber wenn Didier (Deschamps) die richtige taktische Ordnung findet, wird Frankreich ganz vorne mitmischen. Als absoluten Geheimtipp sehe ich zudem Portugal. Sie könnten die Überraschung des Turniers werden, denn ihr Kader ist schlichtweg außergewöhnlich besetzt.
Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere individuelle Klasse überragend ist. Ein Kylian Mbappé Problem gibt es nicht; jeder im Team akzeptiert ihn als Führungsfigur – selbst wenn ein Ousmane Dembélé den Ballon d'Or gewonnen hat. Es kommt jetzt auf den Start an. Frankreich muss liefern. Und der Senegal... sie sind amtierender Afrikameister. Auch bei Marokko darf man einen Sieg nie als selbstverständlich voraussetzen.
Das erste Gruppenspiel wird richtungsweisend für den weiteren Turnierverlauf sein, denn die Gruppe hat es in sich. Auf der anderen Seite wartet schließlich auch ein Erling Haaland mit Norwegen. Sollte man den Auftakt verpatzen, hat man immerhin das Glück, im zweiten Spiel gegen den Irak anzutreten.
Trotzdem kann man schnell unter Druck geraten. Zum Glück sind diesmal 48 Teams am Start. Dadurch qualifizieren sich selbst die besten Gruppendritten für die Kicker Phase. Es gibt also absolut keinen Grund zur Sorge oder gar zur Angst. Frankreich hat das Zeug, den Titel zu holen – das Halbfinale sollte das Mindestziel sein.“
Es wird viel darüber spekuliert, dass Zinédine Zidane nach der WM das Traineramt in Frankreich übernehmen könnte. Würde seine Verpflichtung für Sie eine Fortsetzung von Deschamps Arbeit bedeuten, oder würde er komplett neue Wege gehen?
„Ich finde, Zidane hat bei Real Madrid herausragende Arbeit geleistet. Allerdings hatte er dort nie wirklich die Gelegenheit, eine komplett eigene Philosophie von null aufzubauen. Er hat im Grunde das Fundament übernommen, das Rafa Benítez zuvor mit den Spielern errichtet hatte. Zum Glück brachte er sein ganz eigenes Spielverständnis ein, was perfekt funktioniert hat.
In der Nationalmannschaft, so schätze ich ihn ein, wird er sehr bestrebt sein, Didiers Philosophie durch seine eigene Spielidee zu ersetzen. Ich bin mir sicher, dass vier oder fünf Profis, die unter Didier gesetzt waren, weichen müssen, um Platz für einen neuen Ansatz zu machen. Noch ist nichts offiziell, aber es bahnt sich eine riesige Chance an.
Vor allem, weil Zidane zuvor nie einen Verein übernehmen wollte. Chelsea hat ihm damals quasi Blankoschecks ausgestellt, damit er unterschreibt. Manchester United hat in seinen Krisenzeiten dasselbe versucht, genau wie Vereine aus der Türkei. Das beweist einfach, dass Zidane einen bestimmten Lebensstil schätzt.
Er braucht seine Freiheiten. Die Nationalmannschaft bietet ihm die perfekte Balance: die Rückkehr auf die ganz große Bühne bei gleichzeitig hoher Lebensqualität.“
Unabhängig von diesen Gedankenspielen: Wie sieht die Zukunft Ihres Freundes Didier Deschamps aus? Würden Sie ihn lieber wieder bei einem Spitzenklub, bei einem anderen Verband oder in einer völlig neuen Rolle sehen?
„Ich denke, er wird wieder ein Nationalteam übernehmen. Ich kann mir Didier nicht mehr im täglichen, stressigen Vereinsgeschäft vorstellen. Wir sind im selben Alter – ich bin im September geboren, er im Oktober. Einen Klub wird er sich nicht mehr antun. Es wird definitiv eine andere Nationalmannschaft.“
Sie waren 2002 Kapitän der französischen Mannschaft beim historischen Debakel. Die Auftaktniederlage gegen den Senegal war eine Sensation und überschattete das gesamte Turnier. Glauben Sie, dass dieses Spiel vor der Neuauflage noch in den Köpfen der heutigen Spieler herumspukt, oder ist das längst Geschichte?
„Die meisten Jungs, die heute auf dem Platz stehen, waren damals noch gar nicht geboren. Nur die Medien und das Umfeld kramen diese alten Geschichten wieder hervor. Die aktuelle Generation ist mental extrem stark. Sie gehen völlig unbefangen in die Partie und verschwenden keinen Gedanken an einen vermeintlichen Fluch von 2002.
Damals herrschten auch völlig andere Voraussetzungen. Wir mussten das offizielle Eröffnungsspiel bestreiten, kamen als amtierender Welt und Europameister und standen unter enormem Druck. Zudem war der Großteil unseres Kaders bereits 31 oder 32 Jahre alt. Das lässt sich überhaupt nicht vergleichen.
Das Spiel mag dasselbe sein, aber es ist eine völlig andere Generation. Die Senegalesen werden die Erinnerung an diesen geschichtsträchtigen Triumph natürlich als Motivation nutzen. Aus französischer Sicht ist der Ansatz jedoch ein ganz anderer. Auch wenn der Senegal Afrikameister ist, wird das die Psyche unserer Spieler nicht beeinflussen.
Kurios bleibt es im Rückblick dennoch: 2002 hatten wir die drei besten Stürmer Europas in unseren Reihen. David Trezeguet war Torschützenkönig in Italien, Thierry Henry in England und Djibril Cissé in Frankreich. Aber so ist Fußball manchmal.“
Sie haben sich in der Vergangenheit positiv über die Qualität der afrikanischen Teams geäußert. Wie bewerten Sie die Chancen der Elfenbeinküste und des Senegals? Und was sagen Sie zu Ghana, das kurz vor dem Turnier Carlos Queiroz als Trainer verpflichtet hat?
„Ich mochte den früheren Trainer Otto Addo sehr. Er hatte leider das Pech, dass die Ergebnisse in den Testspielen nicht stimmten. Ich bin mir aber sicher, dass Queiroz dem Team seine eigene Handschrift verpassen wird. Für mich dreht sich alles um das System. In Ghana und vielen anderen afrikanischen Ländern neigen Trainer oft dazu, sich den Vorgaben des Verbandes und des Managements zu beugen.
Queiroz wird die Sache mit seiner ganz eigenen Professionalität angehen. Er besitzt enorme Erfahrung im Weltfußball, insbesondere in Europa, und wird als Erstes die Egos im Zaum halten. Genau das ist in Afrika oft ein Problem: Ältere Spieler, die ihre Leistungsgrenze längst überschritten haben, beanspruchen weiterhin ihren Platz und blockieren den Umbruch.
Dabei gibt es fantastische junge Akteure, die in der Premier League und anderen Top Ligen Stammspieler sind. Ich hoffe inständig, dass Ghana zusammen mit Marokko, dem Senegal und der Elfenbeinküste zu den großen Überraschungen dieser WM gehören wird. Wir stellen diesmal zehn afrikanische Teams.
Ghana kann glänzen – vorausgesetzt, sie starten mit gesundem Selbstvertrauen, verinnerlichen die Philosophie von Queiroz und legen die erwähnten Probleme mit den Egos der Altstars ad acta.“
Antoine Semenyo hat eine überragende Saison in England hinter sich und wirkt bereit, die Führungsrolle bei den Black Stars zu übernehmen. Was erwarten Sie von ihm bei diesem Turnier?
„Er ist genau der Spielertyp, der in engen Phasen mit einer genialen Einzelaktion oder einem tiefen Lauf den Unterschied ausmachen kann. Genau das fordern wir von ihm. Er muss diszipliniert bleiben. Nur weil man bei Manchester City unter Vertrag steht und als Star nach Ghana reist, darf man sich nicht wichtiger als das Kollektiv nehmen. Verstehen Sie, was ich meine?
Er muss mit maximaler Demut auftreten und genau der Unterschiedsspieler sein, den das Team braucht. Seine Disziplin ist der Schlüssel, trotz seines Status als City Star. Wir brauchen ihn als Leitwolf, der die Mannschaft in den schwierigen Momenten mitreißt.
Da sich Ghana nicht für den letzten Afrika Cup qualifizieren konnte, ist der Erwartungsdruck im Land riesig – auch bei den Spielern selbst, die brennend darauf brennen, sich auf internationalem Niveau zu beweisen.“
Im Jahr 2007 haben Sie laut darüber nachgedacht, eines Tages die ghanaische Nationalmannschaft als Trainer zu übernehmen. Dazu kam es nie, Sie haben letztlich überhaupt keine Trainerlaufbahn eingeschlagen. Bereuen Sie diesen Schritt im Nachhinein?
„Nein, überhaupt nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich dem Fußball durch meine Arbeit abseits des Rasens viel mehr zurückgeben kann. Natürlich hätte ich eine Mannschaft mit 25 Spielern trainieren können, um meinen Namen täglich in den Schlagzeilen zu lesen – aber meine heutige Rolle ist bedeutender. Ich stand damals tatsächlich kurz vor dem Engagement in Ghana, aber private Entscheidungen haben mich umgestimmt.
In meiner Heimat wollte ich diesen Job schlichtweg nicht machen. Am Ende wird man als Trainer doch immer entlassen: Man startet euphorisch, und irgendwann folgt unweigerlich der Einbruch. Diese Erfahrung wollte ich in meinem Leben auslassen.
Ich helfe dem Fußball, indem ich mein Fachwissen teile. Ich besitze die UEFA Pro Lizenz, arbeite als TV Experte und transportiere mein Wissen direkt zu den Fans. Zudem engagiere ich mich intensiv für wohltätige Zwecke, leite meine eigene Akademie und rühre weltweit die Werbetrommel für unseren Sport. Hier in Ghana bin ich als Unternehmer tätig und trage die Verantwortung für viele Menschen in meinen Projekten.“