WM im Viervierteltakt: Wie Trinkpausen zweckentfremdet werden
Auch bei der Partie der deutschen Nationalelf war deutlich zu sehen: Die sogenannten Trinkpausen, offiziell als "Kühlpausen" bezeichnet, beeinflussen das Spielgeschehen und dienen längst nicht mehr nur der Erfrischung. "Ich finde es gut, denn so haben wir als Trainerteam noch einmal die Gelegenheit, einige Punkte anzusprechen, vielleicht auch Korrekturen und Anpassungen vorzunehmen", erklärte etwa Österreichs Teamchef Ralf Rangnick. "Jetzt hat man während der Partie zwei zusätzliche Chancen", meinte Deniz Undav, "um taktische Änderungen vorzunehmen".
Ursprünglich war die WM im Viervierteltakt aus Sorge um die Spieler entstanden. Im vergangenen Dezember legte die FIFA fest, dass alle Begegnungen bei dem Turnier in den USA, Mexiko und Kanada aus vier Vierteln bestehen sollen. Dabei wird jede Halbzeit nach rund 22 Minuten bei einer ohnehin notwendigen Unterbrechung gestoppt, um eine dreiminütige Pause zu ermöglichen. Die Betonung lag auf: alle Spiele - unabhängig von den örtlichen Gegebenheiten. So sollte Chancengleichheit gewährleistet werden.
Undav erkennt potenziellen Vorteil
ARD-Experte Bastian Schweinsteiger bezeichnete die Regelung während der Partie zwischen Co-Gastgeber Kanada und Bosnien-Herzegowina in der ARD als "fragwürdig": In Toronto wurde bei 26 Grad gespielt. Auch beim Auftakt der DFB-Auswahl hätten es zweimal 45 Minuten getan: Die Begegnung gegen Curacao (7:1) fand im geschlossenen und voll klimatisierten Stadion von Houston statt, weshalb Kai Havertz anmerkte: "Die Trinkpause war jetzt nicht wirklich nötig", in der Arena sei es "relativ kühl" gewesen.
Und so erfüllt die Trinkpause eben andere Funktionen. Fernsehsender haben jetzt zweimal drei Minuten mehr Zeit, um Werbung zu schalten. In Deutschland nutzt MagentaTV diese Möglichkeit. Vor allem aber kommt die Trinkpause den Trainern entgegen - speziell jenen, die ihre Mannschaft nach 22 oder 23 Minuten dringend neu ausrichten müssen, oder noch einmal nach 67 oder 68 Minuten. "Es kann den Teams auf jeden Fall helfen", sagte Undav - besonders dann, wenn laute Anweisungen auf dem Feld nichts bewirken.
Der Vorteil kann jedoch auch zum Nachteil werden, wie US-Cheftrainer Mauricio Pochettino betont. Wenn es nach ihm ginge, gäbe es Trinkpausen nur, "wenn die Bedingungen extrem sind. Aber so hat der Gegner die Chance, sein Spiel zu ändern, wenn es bei ihm nicht gut läuft." Das war etwa bei der Partie zwischen Südkorea und Tschechien zu beobachten: Die Tschechen waren zunächst überlegen, aber die Trinkpause beendete ihre Druckphase abrupt. Am Ende verloren sie 1:2.
Brasiliens Trainer Carlo Ancelotti sagte nach dem 1:1 gegen Marokko, die Pausen seien hilfreich, "um das Problem zu erkennen, es den Spielern zu erklären, aus taktischer Sicht ist es ein sehr guter Zeitpunkt." Zumindest bei seiner Mannschaft haperte es allerdings offensichtlich an der Umsetzung.