Harry Kane als Schlüsselfigur: Er soll die Three Lions unter Tuchel zum WM-Triumph führen
Die sportliche Bilanz von Harry Kane ist beeindruckend. In der laufenden Saison konnte er sich mit 36 Toren in 31 Spielen zum zweiten Mal den Goldenen Schuh als Europas bester Torjäger sichern. Gleichzeitig gewann er mit dem FC Bayern die 34. Meisterschaft des Clubs. Bereits im September hatte er in seinem 104. Pflichtspiel für die Münchner das 100. Tor erzielt. Kein anderer Spieler in den fünf großen europäischen Ligen erreichte diese Marke für einen einzigen Verein in diesem Jahrhundert schneller.
Kane schloss die Saison mit insgesamt 61 Pflichtspieltoren für die Bayern ab, gekrönt durch einen Dreierpack im DFB-Pokalfinale. Er ist der Rekordtorschütze von Tottenham Hotspur mit 280 Treffern, der historisch beste Torschütze der englischen Nationalmannschaft mit 78 Toren und außerdem der Engländer mit den meisten Champions-League-Toren (54).
Kane als unverzichtbare Leitfigur
Englands Trainer Thomas Tuchel, der Kane bereits aus seiner Zeit bei Bayern München kennt, hob bei der Bekanntgabe seines 26-köpfigen WM-Kaders die Vielseitigkeit seines Kaders hervor: Er habe "Spezialisten für alle denkbaren Szenarien" dabei. Dass Kane dabei in einer eigenen Kategorie spielt, machte der Deutsche nach einer enttäuschenden Niederlage gegen Japan im März klar, bei der der Stürmer fehlte.
Tuchel gab unumwunden zu, dass Englands Kapitän nicht zu ersetzen ist: "Ohne Harry Kane fehlt uns die gewohnte Torgefahr. Der FC Bayern ist ohne ihn weniger gefährlich, und keiner anderen Mannschaft auf der Welt geht es anders – das ist völlig normal. Wenn Spitzenteams und große Fußballnationen auf absolute Ausnahmespieler setzen, ist das einfach der Standard." Auch Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß äußerte sich kürzlich deutlich und bezeichnete Kane als den besten Transfer der Vereinsgeschichte.
Kanes Nationalmannschaftskarriere begann 2015 im Wembley-Stadion gegen Litauen, wo er nur kurz nach seiner Einwechslung traf. Seitdem ist er für Verein und Nationalelf ein zuverlässiger Torgarant. Trotzdem hält sich hartnäckig der Eindruck, dass der Stürmer selbst in seinem Heimatland nicht die vollständige Anerkennung erhält. Kritiker stellen regelmäßig infrage, ob seine hohe Torquote nicht vor allem durch Qualifikationsspiele gegen vermeintlich schwächere Gegner zustande kam. Sogar sein Goldener Schuh bei der WM 2018 war nicht unumstritten, da er damals nur ein einziges Tor aus dem Spiel heraus erzielte.
Der frühere englische Stürmer Chris Sutton weist diese Zweifel jedoch entschieden zurück: "Wenn Harry Kane heute seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekanntgeben würde, würden wir die Chancen der Three Lions bei dieser WM sofort ganz anders einschätzen", sagte er der BBC. "Kane wird nicht ewig für England spielen, aber wer soll ihn ersetzen? Wer kommt auch nur annähernd an sein Niveau heran? Niemand. Das sagt eigentlich alles. Als kompletter, eiskalter Torjäger hatte England nur ganz wenige, die besser waren."
Große Bühne, letzte Zweifel
Muss sich Kane nach durchwachsenen Leistungen bei früheren Großturnieren erneut beweisen? Nachdem er bei der EM 2016 ohne Tor geblieben war, traf er zwei Jahre später in Russland sechsmal und führte sein Team ins Halbfinale. Auch beim Finaleinzug der verschobenen EM 2020 war er Englands bester Torschütze. Doch die WM 2022 in Katar endete im Viertelfinale tragisch, als er beim 1:2 gegen Frankreich einen entscheidenden Elfmeter verschoss. Auch bei der EM 2024, die England im Finale gegen Spanien verlor, wirkte er zeitweise blass.
Trotzdem: Mit insgesamt 15 Toren ist Kane Englands erfolgreichster Torschütze bei großen Turnieren. Außerdem zeigen die bloßen Zahlen nur einen Teil seiner Fähigkeiten, da er häufig als hängende Spitze agiert. "Ich finde es wichtig, auch dann Einfluss auf das Spiel zu nehmen, wenn man selbst nicht trifft – genau das versuche ich mit und ohne Ball", betonte Kane im Interview mit UEFA.com.
Nachdem er bei seinem Jugendverein Tottenham stets ohne Titel blieb, musste Kane bis zu seinem Wechsel nach München warten, um die ersten großen Trophäen zu gewinnen. Sollte es ihm nun gelingen, auch die noch viel längere Durststrecke der englischen Nationalmannschaft zu beenden, wäre ihm sein Platz unter den größten Fußballlegenden des Landes endgültig sicher – und auch die letzten Skeptiker müssten verstummen.
Die Mission startet für England am 17. Juni mit dem WM-Eröffnungsspiel gegen Kroatien.