Große Schwächen auf der WM-Bühne: Wie geht es für Schweden weiter?

Große Schwächen auf der WM-Bühne: Wie geht es für Schweden weiter?

Die Partie legte schonungslos die Defizite offen, die sich bereits beim 1:1-Unentschieden gegen Japan angedeutet hatten – nur wurden sie diesmal von einem Weltklasseteam eiskalt bestraft. Der Versuch der Schweden, die anfälligen Außenbahnen – über die zuvor die Niederlande immer wieder gefährlich durchgebrochen waren – dichtzumachen, riss massive Lücken im Abwehrzentrum auf. Genau diese Schwachstelle hatte schon Japan den Ausgleich beschert.

Da es Didier Deschamps' Mannschaft gegen Frankreich erneut leicht gemacht wurde, kombinierte sich der Vizeweltmeister mit erschreckender Mühelosigkeit durch die Mitte der Blågult-Defensive. Ohnehin war es ein optimistisches Unterfangen für ein Team, das mit einer Serie von 14 Auswärtsspielen ohne Gegentor angereist war, diese ausgerechnet gegen Les Bleus auszubauen. Doch in diesem Spiel wirkte die schwedische Fünferkette zu keinem Zeitpunkt stabil.

Die anhaltenden Probleme in der Rückwärtsbewegung lähmten auch das Prunkstück der Schweden: den Angriff. Vor dem Turnier noch von vielen Nationen beneidet, strahlte die Offensive im Lauf des Wettbewerbs immer weniger Gefahr aus. Trotz eines minimalen Anstiegs des Expected-Goals-Werts (xG) von 0,64 gegen Japan auf 0,7 gegen Frankreich verbuchte Schweden am Ende noch weniger Abschlüsse und kaum nennenswerte Schüsse auf das gegnerische Tor.

Dabei war Frankreichs Defensive durchaus anfällig: In den vergangenen acht Partien war den Franzosen lediglich gegen den Irak ein Zu-Null-Spiel gelungen. Doch statt nach dem Seitenwechsel in einer offenen Partie den Mut zum Risiko zu suchen, schalteten die Schweden früh in den Schadensbegrenzungsmodus. Aus Angst vor Kontern rückte die Mannschaft kaum nach. Die Folge: Ein völlig verwaistes Mittelfeld und eine isolierte Angriffsreihe. Dass zwei der insgesamt nur drei schwedischen Torschüsse erst ab der 89. Minute abgegeben wurden, als die Messe längst gelesen war, spricht Bände.

Wie geht es für Potters Schweden weiter?

Als Graham Potters Vertrag noch vor den Playoffs im März bis 2030 verlängert wurde, galt dies als riskantes Wagnis – nach der erfolgreichen Qualifikation wirkte es wie ein genialer Schachzug. Ob sich diese Genialität nun auch dauerhaft auf Potters Taktiktafel überträgt, bleibt abzuwarten.

Durch die verletzungsbedingte Absage von Isak Hien musste das Experiment mit Victor Lindelöf im Mittelfeld vorzeitig abgebrochen werden. Zwar harmonierten Alexander Isak und Gyökeres im Sturmzentrum zeitweise gut, doch es bleibt die Frage, ob Schweden in Nordamerika tatsächlich so viel Torgefahr ausstrahlte wie noch in den Playoffs, als Gyökeres als alleinige Spitze agierte. Auch Personalentscheidungen bieten Diskussionsstoff: Hätte Anthony Elanga gegen Frankreich nicht von Beginn an auflaufen müssen? Oder war er als Joker mit seiner Schnelligkeit wertvoller? Die Nominierung von Taha Ali ließ sich zwar argumentieren, stieß jedoch bei denjenigen auf Unverständnis, die sich Einsätze der Top-Talente Williot Swedberg und Roony Bardghji erhofft hatten.

Es bleibt unbestritten, dass Potter abseits des Platzes den Optimismus und den Glauben an die eigene Stärke zurückgebracht hat, die zum Ende der Ära seines Vorgängers verloren gegangen waren. Doch früher oder später wird der Engländer in einem engen Spiel gegen einen Gegner auf Augenhöhe eine wegweisende Entscheidung treffen müssen, die die öffentliche Meinung spalten könnte. Eine taktische Neuausrichtung in der Defensive ist unumgänglich – und der wiedergewonnene Glaube muss sich auch dann auf dem Platz widerspiegeln, wenn das Team in Rückstand gerät.

In Nordamerika traf Schweden auf keinen Gegner von diesem Format. Das wird sich ab September ändern, wenn die UEFA Nations League (UNL) startet. Es war der Gruppensieg in der spielschwachen Nations-League-C-Liga, der Schweden überhaupt erst den Umweg über die WM-Playoffs ermöglichte. Doch auf Schützenhilfe dieser Art kann die Nationalmannschaft in Zukunft nicht mehr setzen. In der kommenden B-Liga müssen die Schweden beweisen, dass sie auf diesem Niveau konkurrenzfähig sind und sich unter Potter taktisch weiterentwickeln.

Da die Länderspielfenster im September und Oktober zu einer zweiwöchigen Phase zusammengelegt werden, bietet sich Potter erstmals die Gelegenheit, intensiv mit dem Kader zu arbeiten und der Mannschaft seine Spielphilosophie nachhaltig einzureiben, statt nur von Spiel zu Spiel zu reagieren.

Die Blågult starten mit zwei wegweisenden Heimspielen gegen Rumänien und ein auf Revanche brennendes Polen. Nach den anschließenden Auswärtsreisen nach Bosnien-Herzegowina und Rumänien hofft Schweden, im November im Heimspiel gegen Bosnien sowie beim Gruppenfinale in Polen um den Aufstieg in die A-Liga mitzureden.

Ein erneuter Abstieg in die Liga C würde zwar bei einigen Optimisten die Träumerei von einer erneuten Hintertür zur WM 2030 wecken – doch in diesem Szenario würde die Mannschaft wohl kaum noch von Graham Potter angeführt werden.