Erster Titel seit fast 30 Jahren in Sichtweite: Nizza vor Pokalfinale gegen Lens inmitten von Chaos

Erster Titel seit fast 30 Jahren in Sichtweite: Nizza vor Pokalfinale gegen Lens inmitten von Chaos

"Lens gilt als Favorit, und das Spiel wird für sie praktisch eine Heimveranstaltung. Sie stehen quasi in der Pflicht zu gewinnen", brachte Nizzas Trainer Claude Puel die allgemeine Erwartungshaltung vor dem Aufeinandertreffen im Stade de France auf den Punkt.

Zum Spielbericht: RC Lens gegen OGC Nizza

Für Lens ist diese Saison ohnehin schon eine bemerkenswerte Zeit: Hinter dem übermächtigen Meister Paris Saint-Germain sicherten sie sich den zweiten Platz in der Ligue 1 und verpassten den ersten Meistertitel seit 1998 nur äußerst knapp. Nun streben sie nach dem ersten Pokalsieg ihrer Vereinsgeschichte – nachdem sie alle drei bisherigen Endspiele verloren haben, das letzte ebenfalls im Jahr 1998.

Klassenerhalt als oberste Priorität für Nizza

Ganz anders die Situation bei Nizza: Nach einer enttäuschenden Saison mit nur zwei Siegen aus den letzten 24 Spielen rettete sich das Team gerade noch auf den Relegationsplatz. Die historische Chance auf den ersten Titel seit dem Pokalsieg 1997 wird völlig überschattet von dem, was danach kommt. Denn bereits in der folgenden Woche muss Nizza in zwei entscheidenden Relegationsspielen gegen Saint-Etienne antreten, um den Abstieg zu verhindern.

Obwohl ihnen gegen Lens kaum jemand etwas zutraut, könnte sich die Geschichte wiederholen: 1997, im Jahr ihres letzten Pokalerfolgs, stieg Nizza am Ende ebenfalls ab. "Es ist ein Finale, natürlich werden wir alles geben. Aber die beiden Spiele danach sind wichtiger. Der Klassenerhalt ist unser einziges wahres Ziel", gestand auch Nizzas Präsident Jean-Pierre Rivere offen.

Wie tief die Krise sitzt, zeigte das jüngste 0:0 gegen das bereits abgestiegene Schlusslicht Metz. Wütende Fans stürmten den Platz, warfen Rauchbomben und zwangen die eigenen Spieler zur Flucht in die Kabine. Dabei waren die Ambitionen groß, als der britische Milliardär Jim Ratcliffe mit seinem Ineos-Konzern den Verein an der Côte d’Azur 2019 übernahm. Es folgten drei Top-5-Platzierungen und ein Pokalfinale 2022. Letztes Jahr qualifizierte sich Nizza als Vierter sogar für die Champions-League-Qualifikation, war dort im August gegen Benfica jedoch chancenlos und verpasste die lukrative Gruppenphase.

Die aktuelle Saison geriet früh aus dem Ruder. Im November eskalierte die Situation, als Hunderte Fans das Trainingszentrum belagerten, um der Mannschaft nach einem Auswärtsspiel wütend aufzulauern – es kam zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit Spielern und Verantwortlichen. Trainer Franck Haise verließ den Verein im Dezember und wurde durch Puel ersetzt. Doch auch er konnte den freien Fall nicht stoppen, zumal die Top-Stürmer Jeremie Boga und Terem Moffi den Verein im Januar fluchtartig in Richtung Juventus Turin und Porto verließen – tief geprägt von den Fan-Ausschreitungen. Hinzu kommt, dass Ratcliffes Fokus mittlerweile eher auf seinem 25-Prozent-Investment bei Manchester United liegt.

Lens will ersten Pokal der Vereinsgeschichte holen

Als Strafe für den jüngsten Platzsturm muss Nizza das Relegations-Heimspiel gegen Saint-Etienne vor leeren Rängen austragen. Auch beim Finale am Freitag werden viele enttäuschte Nizza-Anhänger fehlen. Die Behörden erwarten stattdessen eine regelrechte Invasion aus Lens: Bis zu 50.000 Lens-Fans werden im 80.000 Zuschauer fassenden Stade de France erwartet.

Angeführt von Angreifer Florian Thauvin, der den Sprung in den französischen WM-Kader nur knapp verpasste, will sich Lens endlich den ersehnten Pokal sichern. Es wäre die Krönung einer großartigen Saison, in der die erneute Champions-League-Teilnahme bereits feststeht.

"Wir sind der einzige französische Meister, der noch nie den Pokal gewonnen hat", erklärte Trainer Pierre Sage gegenüber der Sportzeitung L'Equipe. "Dieser Verein ist 120 Jahre alt und hat diese Trophäe verdient. Unsere Spieler haben eine fantastische Saison gezeigt. Ich bin überzeugt: Dieses Jahr ist unser Jahr." Sage stand bereits 2024 mit Lyon im Finale, unterlag damals jedoch PSG. Auch wenn die Dominanz von Paris weiterhin erdrückend bleibt: Wer auch immer am Freitag triumphiert, wird der fünfte unterschiedliche Pokalsieger in den letzten acht Jahren sein.