"Tiefe Bitterkeit": Tunesien betrauert den Verlust von Top-Talent Ayari an Schweden
Ayari wurde im schwedischen Solna als Sohn eines tunesischen Vaters und einer marokkanischen Mutter geboren. Er steht beispielhaft für eine Vielzahl von Profis bei dieser Weltmeisterschaft, die theoretisch für mehrere Nationen spielberechtigt gewesen wären. Nach starken Leistungen für seinen Heimatklub AIK Solna wechselte er 2023 in die englische Premier League zu Brighton & Hove Albion. Nach Leihstationen bei Coventry City und den Blackburn Rovers feierte er in der abgelaufenen Saison schließlich seinen sportlichen Durchbruch bei Brighton.
Zum Match-Center: Schweden vs. Tunesien
Für den ehemaligen tunesischen Nationalspieler Houssem Haj Ali offenbart der Fall Ayari strukturelle Defizite im nordafrikanischen Fußball. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP beklagte er, dass dem Land zu viele Talente durch die Finger gleiten: "Natürlich herrscht darüber eine große Bitterkeit. Die Situation hätte genau umgekehrt sein können, wenn Yasin das tunesische Trikot tragen würde." Haj Ali forderte grundlegende Konsequenzen: "Wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Spieler tunesischer Herkunft sich für ihr Heimatland entscheiden. Das betrifft nicht nur den Verband, sondern das gesamte System."
Der Fall Ayari ist kein Einzelfall. Erst kürzlich erlitt Tunesien einen ähnlichen Rückschlag, als Louey Ben Farhat vom deutschen Zweitligisten Karlsruher SC seine Nominierung für den tunesischen WM-Kader ablehnte – und das, obwohl er zuvor bereits zwei Freundschaftsspiele gegen Haiti und Kanada bestritten hatte. "Genauso wie wir Louey Ben Farhat verloren haben, haben wir auch Ayari verloren", resümierte Haj Ali enttäuscht.
Ayari selbst sprach nach dem Abpfiff von einem "unbeschreiblichen Gefühl". Mit dem Kantersieg bescherte er Schweden den besten WM-Start der Verbandsgeschichte bei insgesamt 13 Turnierteilnahmen. "Ich schieße öfter schöne Tore, aber gleich zwei Treffer in einem Spiel zu erzielen – und das bei meinem WM-Debüt ausgerechnet gegen Tunesien –, war etwas ganz Besonderes", erklärte er dem schwedischen Fernsehsender SVT. Dennoch gab der Mittelfeldspieler zu, dass die Partie hochemotional für ihn war: "Ich fühle eine tiefe Verbundenheit zu Tunesien, verbinde viele Emotionen damit und verbringe dort jeden Sommer meinen Urlaub." Auf die Frage, wie sein Vater die deutliche Niederlage Tunesiens verkraftet habe, scherzte Yasin: "Er freut sich natürlich riesig für mich, aber am besten fragen Sie ihn selbst."
Wiederholt sich Ayaris Geschichte?
Dabei hatte der tunesische Verband früh um das Talent geworben. Bereits 2021 kontaktierten Vertreter den damals noch minderjährigen Ayari und lockten ihn mit einem Platz im WM-Kader für 2022. Doch der Mittelfeldspieler entschied sich für Schweden – mit dem ausdrücklichen Segen seines Vaters Azzouz. In einem Interview mit der schwedischen Boulevardzeitung Aftonbladet bestätigte Azzouz Ayari das tunesische Angebot, stellte aber klar: "Ich wollte, dass er für Schweden spielt. Er muss dem Land, das ihn immer gefördert und unterstützt hat, etwas zurückgeben."
Der tunesische Verband muss zudem befürchten, dass sich die Geschichte wiederholt: Yasins jüngerer Bruder Taha spielt ebenfalls erfolgreich bei AIK Solna und stand bereits zweimal für die schwedische U21-Auswahl auf dem Platz. Auch er könnte bald dauerhaft in das gelbe Trikot der Schweden schlüpfen.
Dabei ist Tunesien durchaus erfolgreich darin, im Ausland geborene Talente für sich zu gewinnen. Zum aktuellen WM-Aufgebot gehört beispielsweise Moutaz Neffati, der in Schweden aufwuchs und dort die Jugendnationalmannschaften durchlief, bevor er sich für Tunesien entschied. Auch der in Frankreich geborene Hannibal Mejbri (FC Burnley) sowie das 18-jährige, in Kanada geborene Talent Rayan Elloumi spielen für die Nordafrikaner.
Dennoch bleibt die Personallage dünn. "Wir haben nicht viele internationale Stars tunesischer Herkunft", betonte Haj Ali abschließend. "Deshalb müssen wir um jeden einzelnen Spieler kämpfen, der es auf die ganz große Bühne schafft."