PSG-Architekt Enrique: So schmiedete er aus Solisten eine Einheit
Wer den Coach hinter dem Erfolg begreifen möchte, sollte diese 90 Sekunden anschauen. Oder besser die vollständige Dokumentation, die nach einem Enrique-Zitat "No tenéis ni puta idea" benannt ist, jugendfrei umschrieben: "Ihr habt absolut keine Ahnung." Wie er Mbappé als wannabe Michael Jordan bezeichnete, um ihn zum Mitmachen in der Defensive zu motivieren.
Zum Spielzentrum: PSG gegen Bayern München
Oder nehmen Sie Ousmane Dembélé. Enrique verwandelte ihn mit vergleichbaren Ansätzen vom Taugenichts in eine Pressing-Bestie, zu einem Weltklasse-Spieler und Vorreiter dieser außergewöhnlichen Mannschaft, die sich im Champions-League-Halbfinal-Hinspiel am Dienstag (21.00 Uhr/Prime Video) dem FC Bayern widmet.
Dass er den Offensivstar im Herbst 2024 aufgrund von Disziplinmängeln aus dem Aufgebot entfernte, nannte er später "meine klügste Wahl". Das weckte Dembélé auf und demonstrierte jedermann: Im früheren Glanzklub ist niemand mehr über dem Team erhaben.
Enrique verkörpert diesen Wandel. Der eigensinnige Asturier brachte mit seiner Übernahme 2023 "einen neuen Geist" ein, meinte der ehemalige Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge bei t-online: "Früher ging es bei PSG ums Geld, heute ist es eine der drei Elite-Adressen in Europa." Dass Paris nach dem Achtelfinal-Fiasko gegen die Münchner 2023 nun dreimal hintereinander im Halbfinale dabei ist, ist "kein Glücksfall. Sie bieten faszinierenden Fußball".
Mit Hilfe des talentierten Kaderplaners Luis Campos hat Enrique ein Biest gezüchtet, das Unterhaltung mit erbarmungslosem Druck verbindet. Inspiriert vom FC Barcelona, dem er 2015 seinen letzten Champions-League-Sieg verdankte, verschlingt es die Rivalen. Wie Inter Mailand im einseitigsten Finale seit 70 Jahren (5:0). Kein Staunen also, dass Enrique vor dem Bayern-Kampf verkündete: "Wir sind gerüstet!"
Schicksalsschlag, WM-Fiasko, Weltmeister-Coach
Sein derber Charme, den er oft mit Selbstironie abschmeckt, hängt mit seinen Wurzeln zusammen. Seine innere Stärke mit einem harten Schicksalsschlag. 2019 verlor er seine neunjährige Tochter Xana an Knochenkrebs. Er denke "täglich" an sie, berichtete Enrique nach dem Sieg gegen Inter, "auch ohne Trophäen". Wer einen derartigen Schmerz erlebt hat, fürchtet keine Konfrontation, weder auf dem Rasen noch vor der Video-Wand wie mit Mbappé.
Trotzdem war Enriques Weg als Trainer nicht immer glatt. Spaniens Nationalmannschaft verließ er nach dem Achtelfinal-Aus bei der WM 2022 gegen Marokko als Verlierer. Bei PSG schuf der 55-Jährige jedoch sein Meisterwerk. "Er hat alles umgekrempelt. Er betrachtet Fußball anders", lobte der Ex-Dortmunder Achraf Hakimi.
Auf dem Pfad ins Halbfinale gab Enriques Truppe den englischen Giganten Chelsea und Liverpool keine Möglichkeit. Kein Wunder, dass Paris dem "besten Trainer der Welt" (Präsident Nasser Al-Khelaifi) künftig mehr zahlen möchte als dem Weltstar Dembélé. Die nächsten Kultclips laufen bereits in der Produktion.