Keine Überraschung: Darijo Srna über Kroatiens WM-Chancen, Modric und "Sir" Dalic
Frage: Darijo, nach deiner beeindruckenden Karriere für Kroatien mit mehreren Weltmeisterschaften als Kapitän, was erwartest du von der Nationalmannschaft bei der WM 2026?
Antwort Darijo Srna: Das Problem ist, dass viele Leute dieselben hohen Erwartungen haben wie die kroatischen Fans. Man muss jedoch verstehen, dass Kroatien ein kleines Land ist. Wir können nicht erwarten, dass wir bei jeder WM oder EM eine Medaille gewinnen. Nicht einmal Brasilien schafft das alle zwanzig Jahre.
Ich übe keinerlei Druck auf unsere Nationalmannschaft aus. Erstens bin ich stolz darauf, dass wir die Qualifikation geschafft haben. Zweitens bin ich überzeugt, dass wir gegen jeden Gegner kämpfen werden. Jedes Resultat erfüllt mich mit Glück und Stolz.
F: Wie beurteilst du die aktuelle kroatische Nationalmannschaft unter Zlatko Dalic?
A: In Kroatien habe ich oft den Eindruck, dass Zlatko Dalic nicht die Anerkennung erhält, die er verdient. Ich fühle mich gezwungen, ihn zu verteidigen. Er ist der erfolgreichste Trainer in der kroatischen Fußballgeschichte und eine echte Legende.
Wir sollten alles respektieren, was er erreicht hat. Wenn er Trainer der englischen Nationalmannschaft wäre, wäre er meiner Ansicht nach längst "Sir" Zlatko Dalic.
Das zeigt den großen Mentalitätsunterschied zwischen Kroatien und England. Bei uns wird schnell Kritik laut, wenn mal etwas nicht klappt. Dabei liefert er seit Jahren konstant auf nationaler und internationaler Bühne ab. Ich bin sehr stolz auf ihn und möchte ihm für alles danken, was er für Kroatien getan hat.
F: Ist diese aktuelle Generation die beste, die Kroatien jemals zu einer WM geschickt hat?
A: Auf jeden Fall. Wenn alles so bleibt, dann ja. Aber ich möchte keinen Druck erzeugen. Wir sollten Schritt für Schritt vorgehen. Wir sind ein kleines Land, daher sollten wir zunächst stolz darauf sein, überhaupt bei einer WM vertreten zu sein.
F: Was wäre für Kroatien bei der WM 2026 ein erfolgreiches Turnier?
A: Für uns ist das Überstehen der Gruppenphase stets der erste Schritt. Wenn wir die Gruppenphase überstehen, werden wir wirklich gefährlich. Das zeigt auch die Vergangenheit.
F: Sprechen wir über Luka Modric. Was bedeutet er für die kroatische Bevölkerung?
A: Er ist eine Legende. Ein großartiger Mensch, ein fantastischer Spieler und ein Freund, ein Vorbild für alle. Ich kenne ihn seit vielen Jahren und bin stolz, dass Kroatien einen Spieler wie Luka hat, der auf diesem Niveau spielt.
F: Glaubst du, dass die WM 2026 Modrics letzter großer Auftritt sein wird?
A: Bei Luka weiß man das nie. Ich dachte schon vor Jahren, dass es seine letzte WM wäre, aber er ist immer noch dabei.
Er weiß selbst am besten, wann der richtige Zeitpunkt zum Aufhören gekommen ist. Er ist ein kluger Kerl und wird diese Entscheidung allein treffen.
F: Hat Kroatien auch nach Modrics Rücktritt genug Talent, um erfolgreich zu bleiben?
A: Natürlich haben wir großartige Talente. Aber es wird sehr schwierig sein, einen weiteren Luka Modric zu finden. Das ist die Realität.
F: Was hat es für dich bedeutet, die kroatische Nationalmannschaft als Kapitän auf das Feld zu führen?
A: Es war ein erfüllter Traum. Als Kind träumte ich davon, für Hajduk Split zu spielen. Danach träumte ich davon, für die Nationalmannschaft zu spielen. Kapitän zu werden, war ein noch größerer Traum. Ich bin sehr glücklich und geehrt, die Kapitänsbinde so oft getragen zu haben.
F: Erinnerst du dich an dein erstes Spiel als Kapitän Kroatiens?
A: Ja. Ich konnte es kaum fassen. Ich dachte, Slaven Bilic sei der Kapitän. Ich ging mit den älteren Spielern in die Kabine, doch die Binde war an meinem Arm.
So begann meine Zeit als Kapitän. Ich erhielt von allen viel Unterstützung. Die Nationalmannschaft ist immer wie eine Familie, unabhängig davon, ob wir gewinnen oder verlieren.
F: Wenn du auf deine Weltmeisterschaften zurückblickst, welche Erinnerungen sind dir besonders geblieben, zum Beispiel an Deutschland 2006 oder Brasilien 2014?
A: 2006 verschoss ich einen Elfmeter, wir verloren gegen Brasilien, und ich erzielte einen großartigen Freistoß gegen Australien. Insgesamt sind das schöne Erinnerungen. 2014 war das Eröffnungsspiel gegen Brasilien. Kroatien als Kapitän auf das Feld zu führen und Jennifer Lopez bei der Eröffnungsfeier zu erleben, mehr kann man sich kaum wünschen.
Vor dem Spiel gegen Brasilien war der Druck riesig. Aber ich finde, Brasilien war damals nicht in Topform. Heute, mit Carlo Ancelotti, sind sie bereit.
F: Kroatien scheint die Erwartungen bei großen Turnieren immer wieder zu übertreffen. Wie gelingt das einem so kleinen Land?
A: Vor jedem Turnier sind die Erwartungen hoch. Doch für uns ist der erste Schritt stets, die Gruppenphase zu überstehen. Manchmal fehlte uns auch das Glück, zum Beispiel bei meiner letzten Europameisterschaft in Frankreich, als Portugal als Gruppendritter gegen uns gewann und später Europameister wurde.
Glück gehört dazu. Aber eines ist sicher: Ich fühle mich stets als Teil dieser Mannschaft, als Teil dieser Familie. Das ist die kroatische Mentalität.
F: Welche aktuellen kroatischen Spieler begeistern dich besonders im Hinblick auf die WM 2026?
A: Für mich ist Josko Gvardiol unser Schlüsselspieler, einer der besten Verteidiger der Welt. Ich mag auch Sucic von Inter, er ist ein neuer Star. Natürlich spielen auch Legenden wie Perisic mit 36 oder 37 Jahren noch auf einem außergewöhnlichen Niveau.
Mit Spielern wie Perisic, Modric und Kovacic zusammenzuspielen, ist ein Privileg. Man muss ihnen nur zuhören und lernt unglaublich viel.
F: Kann Kroatien bei der WM 2026 die große Überraschung werden?
A: Warum Überraschung? Kroatien verdient Respekt. Wir zeigen seit zehn Jahren unsere Qualität. Wenn wir die Gruppenphase überstehen, ist alles möglich. Danach werden wir immer gefährlicher. Kroatien kann bei einer Weltmeisterschaft eine sehr starke und gefährliche Mannschaft sein.