KOMMENTAR: Du wünschst dir Spielfluss? Erst einmal Werbung! Was sollen nur diese "Trinkpausen"?
Der zeitliche Ablauf dieser Weltmeisterschaft ist minutiös durchgeplant: Rund um die 22. Minute jeder Halbzeit ertönt das Kommando: Anhalten, Trinkpause! Drei Minuten lang, einmal pro Hälfte, in jeder Begegnung, ausnahmslos. Die FIFA hat dieses Schema strikt vorgeschrieben. Es ist in die wohlklingende Sprache des „Spielerschutzes“ gehüllt und moralisch kaum angreifbar. Dennoch muss alles, was jenseits des Spielfeldes geschieht, kritisch unter die Lupe genommen werden.
Das Hauptproblem ist die pauschale Anwendung. Die Pausen sind obligatorisch, völlig unabhängig von den tatsächlichen Wetterbedingungen. Mexiko musste bei angenehmen 20 Grad zur Zwangsunterbrechung antreten. Eine andere Partie fand bei kühlen 16 Grad statt. Ganz zu schweigen von Spielen in hochmodernen, klimatisierten Arenen mit geschlossenem Dach. Wenn es der FIFA wirklich um die Gesundheit der Spieler ginge, gäbe es einen klaren Grenzwert, etwa ab 25 oder 30 Grad. Doch eine derartige Regel gibt es nicht. Ein Gesundheitsschutz, der das aktuelle Wetter außer Acht lässt, ist kein Schutz, sondern eine Farce.
Kleine Auszeit für Mannschaften in Bedrängnis
Unabhängig von dieser Absurdität ergibt sich die sportliche Frage: Wie wirkt sich diese erzwungene Maßnahme auf den Fußball aus? Sie vernichtet das Wesentlichste: den Spielfluss.
Der Fußball lebt von seiner Dynamik. Das Spielgeschehen wechselt hin und her. Eine Elf übernimmt die Kontrolle, setzt den Gegner unter Druck, ein Treffer liegt in der Luft, dann ertönt plötzlich der Pfiff. Erzwungene Pause. Alle müssen zur Trinkflasche greifen. Die bedrängte Abwehr erhält auf diese Weise eine kostenlose kleine Auszeit, um sich in Ruhe neu zu ordnen.
Genau dies war im Duell zwischen Südkorea und Tschechien zu beobachten. Die Tschechen drückten mit Macht, dann folgte die Unterbrechung, und die Partie war schlagartig ideenlos. Oder Curaçao: Der Außenseiter glich sensationell gegen Deutschland aus. Doch statt auf der Euphoriewelle weiterzumachen und den Favoriten zu hetzen, mussten die Spieler fast unmittelbar darauf eine Trinkpause über sich ergehen lassen. Der Schwung war verpufft. Zwar verlor Curaçao am Ende verdient mit 1:7, doch das taktische Muster dahinter ist offensichtlich.
Selbstverständlich werden die Mannschaften lernen, diese Vorschrift für sich zu nutzen. Wer an der Belastungsgrenze agiert, verlangsamt das Spiel und wartet auf die Uhr, bis der Schiedsrichter zur gemeinsamen Erfrischung ruft. Einziger positiver Nebeneffekt: Da die Trainer während der Pause taktische Anweisungen geben dürfen, verschwinden möglicherweise die rätselhaften "Torhüterkrämpfe", die bisher als Ausrede für genau solche Trainerunterbrechungen dienten.
Werbeunterbrechungen im Eishockey bereits üblich
Es bleibt eine bittere Ironie, dass die klassische Zeitverschwendung nun durch eine offiziell angeordnete Spielunterbrechung abgelöst wird, ganz nach dem Vorbild der NBA oder NHL. Nicht zu Unrecht sprechen viele Anhänger bereits von einer schleichenden "Amerikanisierung" des Fußballs. Das Spiel wird leise, aber äußerst effektiv, von zwei Halbzeiten in vier Viertel aufgeteilt.
Dabei greift man exakt auf jenes Format zurück, das im Eishockey der USA unverhohlen als "Power Commercial Break", also als Werbeunterbrechung, bezeichnet wird. Und genau das ist der Punkt, der die Zuschauer vor den Bildschirmen am meisten erzürnt. Was als Fürsorgemaßnahme verkauft wird, ist in Wirklichkeit der Versuch, maximale Werbeeinnahmen aus dem Turnier zu erzielen. Auch ohne die offizielle Bezeichnung "Commercial Break" nutzen Fernsehsender auf der ganzen Welt die garantierten drei Minuten genau dafür. Der US-Sender Fox kehrte kürzlich sogar so spät aus der Werbung zurück, dass die Zuschauer die ersten Spielszenen verpassten. Oder wie es ein Reddit Nutzer treffend formulierte: "Es ist letztlich nur ein Werbespot, vor den man eine Wasserflasche platziert hat."
Die drei Minuten vergehen für die Zuschauer im Stadion wie im Nu, sie reichen gerade für einen Blick aufs Smartphone oder den Kauf eines teuren Getränks. Für das Millionenpublikum vor den Bildschirmen wird der Spielfluss dagegen erbarmungslos zerstückelt und vermarktet.
Die eigentliche Besorgnis betrifft die Zukunft. Diese Weltmeisterschaft schafft einen gefährlichen Präzedenzfall. Wenn extreme Hitze der Auslöser ist, von mir aus. Wenn wir diese Unterbrechungen aber künftig in jedem ganz normalen Ligaspiel ertragen müssen, nur weil der zusätzliche Werbeplatz die Kassen der Funktionäre füllt, dann steht der Fußball vor einem ernsten Problem.
Man mag mir Zynismus und Pessimismus unterstellen, doch das Ganze scheint weniger eine Reaktion auf den Klimawandel zu sein, sondern vielmehr ein Testlauf für eine neue, gewaltige Einnahmequelle. Der Geist ist jedenfalls aus der Flasche entkommen. In diesem Fall aus der Wasserflasche.