EXKLUSIV: Pavel Pardo über Mexikos WM-Lauf, Wunderkind Mora und den Bundesliga-Titel

EXKLUSIV: Pavel Pardo über Mexikos WM-Lauf, Wunderkind Mora und den Bundesliga-Titel

Wie hast du diese Weltmeisterschaft erlebt und was waren deine Erwartungen vor dem Turnier?

Eine Weltmeisterschaft ist und bleibt einfach etwas Einzigartiges – wir alle wissen um den weltweiten Stellenwert dieses Turniers. Für Mexiko ist es nach 1970 und 1986 bereits das dritte Mal als Gastgeber. Ich weiß noch genau, wie ich als Zehnjähriger mit meinem Vater in Guadalajara das Spiel zwischen Brasilien und Polen im Stadion verfolgt habe. In diesem Jahr werde ich 50. Für mich ist es also die zweite WM als Ex-Spieler, während es für viele Mexikaner bereits die dritte oder eben die allererste Weltmeisterschaft ihres Lebens ist.

Man muss es selbst erleben, um zu verstehen, was es bedeutet, zum dritten Mal Gastgeber zu sein. Als Spieler gibt es ohnehin nichts Größeres, als sein Land zu vertreten. Und als Fan? Stell dir vor, du heißt Millionen Menschen aus den verschiedensten Kulturen willkommen und zeigst der Welt, wer die Mexikaner wirklich sind: herzliche, ehrliche Menschen. Leider transportieren die Nachrichten oft nur die negativen Seiten, aber jedes Land hat seine Stärken und Schwächen. Ich finde, Mexiko präsentiert sich der Welt aktuell als wunderbarer Gastgeber – voller Kreativität, Freude, Leidenschaft und echter Liebe für seine Gäste.

Gab es bisher eine Mannschaft, die dich überrascht hat?

Marokko gefällt mir persönlich ausgesprochen gut. Sie kamen als Afrikameister zum Turnier und standen ja schon beim letzten Mal im Halbfinale. Das ist eine Mannschaft mit einem absolut klaren Konzept und Spielern, die in den europäischen Top-Ligen unter Vertrag stehen. Ihre Spielweise, diese Kontinuität und die pure Zielstrebigkeit beeindrucken mich.

Auch Frankreich weiß ganz genau, wofür es steht, und verfügt über Akteure, die Spiele auf Champions-League-Niveau im Alleingang entscheiden können. Abseits dieser beiden Großen hat mich Norwegen überzeugt: Sie haben vielleicht nicht spektakulär, aber extrem solide gespielt und richtig guten Fußball gezeigt.

Mexiko hat souverän das Achtelfinale erreicht. Was hat dir an der Mannschaft am meisten gefallen?

Mich hat besonders begeistert, dass das Team schon in der Gruppenphase richtig guten Fußball gespielt hat. Ein so kurzes Turnier lebt von Momenten, und die Spieler müssen genau dann da sein. Raúl Jiménez präsentiert sich in absoluter Topform, er ist ein echter Kämpfer. Das Gleiche gilt für Julián Quiñones. Er zeigt gerade wieder genau die Qualitäten, die wir von ihm schon bei Atlas, América und später in Saudi-Arabien als Torschütze gesehen haben – dieser dynamische, kraftvolle und durchsetzungsstarke Julián ist wieder da.

Zudem sehe ich eine enorm geschlossene Mannschaft. Es hängt nicht mehr alles an ein oder zwei Einzelspielern, der Fokus liegt auf dem gesamten Team. Mexiko hat in diesem Turnier bisher fast den gesamten Kader beansprucht, und jeder Einzelne hat abgeliefert. Das beweist, dass eigentlich jeder von ihnen in der Startelf stehen könnte. Genau das ist doch das Traumziel eines Trainers: 23 Spieler zur Verfügung zu haben, auf die in jedem Moment Verlass ist

Was bedeutet es für dich, Raul Jimenez nach allem, was er durchgemacht hat, wieder als Führungsspieler zu sehen?

Das bedeutet mir unglaublich viel. Genau wie bei Julián Quiñones sind wir hier wieder beim Thema, dass der Fußball von Momenten geprägt ist. Raúl hatte eine fantastische Zeit in England, und wann immer er für die Nationalmannschaft getroffen oder vorgelegt hat, stimmte seine Leistung. Dass er jetzt diese Führungsrolle einnimmt, wiegt nach all den Schicksalsschlägen umso schwerer. Vor wenigen Monaten ist sein Vater verstorben, zu dem auch ich ein sehr gutes Verhältnis hatte.

Da ich die Geschichte von Raúl und seiner Familie eng miterlebt habe, freue ich mich von ganzem Herzen für ihn. Nach all seinen Verletzungen war es damals extrem schmerzhaft für ihn, eine WM verpassen zu müssen. Heute füllt er diese Rolle als echter Anführer der Nationalmannschaft perfekt aus.

Wie siehst du das Vermächtnis von Guillermo Ochoa im mexikanischen Fußball?

Es ist einfach gigantisch. Man muss sich das mal vorstellen: sechs Weltmeisterschaften! Ich habe ihn damals bei América kennengelernt. Das war zwar nur eine kurze Überschneidung, aber ich habe nach dem Training immer leidenschaftlich gerne Freistöße geübt. Die anderen Nachwuchstorhüter hatten irgendwann genug davon, also wurde der junge Memo Ochoa mein fester Sparringspartner.

Ich kenne ihn, seit er 17 Jahre alt ist. Wir haben bei América und in der Nationalmannschaft zusammengespielt. Er hat einen langen, beeindruckenden Weg hinter sich, und es ist eine absolute Ehre für uns, einen mexikanischen Torhüter dieser Extraklasse zu haben.

Kommen wir zu einem viel jüngeren Namen, dem 17-jährigen Gilberto Mora. Wo liegt sein Limit?

Bei aller nötigen Vorsicht und ohne den Jungen zu früh mit den Allergrößten vergleichen zu wollen: Wenn man früher Xavi oder Iniesta mit dieser extremen Klarheit, Ruhe, Übersicht und Spielintelligenz hat agieren sehen – genau das verkörpert Gilberto Mora heute schon. Er strahlt auf dem Platz eine enorme Gelassenheit aus. Er positioniert sich klug, nimmt die Bälle sauber an, setzt zum Dribbling an, wenn es nötig ist, und passt oder schießt genau im richtigen Moment.

Der Fußball läuft fließend durch die Füße solcher Spieler. Sie finden Räume allein durch ihre Antizipation und lassen das Spiel dadurch kinderleicht aussehen – eben genau wie Xavi und Iniesta. Ich bin überzeugt, dass Mora für etwas Großes bestimmt ist. Vielleicht hilft es ihm aktuell auch, dass er noch völlig befreit und ohne den ganz großen Druck aufspielen kann

Würdest du ihn gerne in einer der Top-Ligen Europas sehen?

Definitiv. Ich würde ihn gerne in Spanien oder Deutschland sehen – das sind Ligen, die stilistisch hervorragend zu ihm passen würden. Aber auch die Premier League würde ich aufgrund seiner Physis und all der Qualitäten, die er als Spieler mitbringt, keineswegs ausschließen.

Mexiko hat bei dieser WM noch kein Gegentor kassiert. Ist die defensive Stabilität die größte Stärke dieses Teams?

Wir alle kennen die Handschrift von Javier Aguirre. Diesmal hat er zudem Rafael Márquez an seiner Seite, der sich explizit um die Defensivorganisation kümmert. Aguirres Mannschaften standen schon immer für extreme Ordnung, egal ob damals in Spanien oder anderswo. Sie agieren kompakt und sind unheimlich schwer zu schlagen. Das spiegelt sich auch jetzt wider: Mexiko ist taktisch hervorragend eingestellt und hält hinten die Null.

Meine persönliche Fußballtheorie lautet: Wenn du kein Gegentor kassierst, hast du immer die Chance, das Spiel zu gewinnen. Du bekommst in fast jeder Partie zwei oder drei gute Gelegenheiten – und die musst du dann eben effizient nutzen. Genau das setzt Mexiko bislang exzellent um.

Was hat Javier Aguirre der Mannschaft seit seiner Rückkehr gebracht?

Pure Erfahrung. Er hat es auf den Pressekonferenzen ja selbst betont: Es ist seine dritte Weltmeisterschaft, und er geht die Sache deutlich entspannter an. Das Alter und die Routine bringen Weisheit, Gelassenheit und Geduld bei strategischen Entscheidungen. Genau diese Souveränität hat er auf die Mannschaft übertragen.

Gleichzeitig wissen wir natürlich, dass er von seinen Teams bedingungsloses Herz, Kampfgeist und enorme Laufbereitschaft einfordert. Die Mannschaft hat das verinnerlicht: Sie zeigt maximalen Einsatz, großen Kampf und – wie im letzten Spiel zu sehen war – eben auch echte fußballerische Klasse.

Siehst du Rafa Marquez als künftigen Nachfolger von Aguirre bei der Nationalmannschaft?

Genau das ist der Plan. Rafa Márquez hat seinen Posten beim FC Barcelona damals bewusst aufgegeben, um näher an der Nationalmannschaft zu sein, in dieses Projekt hineinzuwachsen und irgendwann das Ruder komplett zu übernehmen. Hier muss ich den Verband wirklich loben: Zum ersten Mal setzt man auf ein echtes Langzeitprojekt – ein Ansatz, der uns in der Vergangenheit oft gefehlt hat.

Es ist absolut klug, ehemalige Weltklassespieler als Trainer einzubinden. Sie bringen den unschätzbaren Vorteil mit, dass sie neben ihrem taktischen Wissen auch ihre eigene, gelebte Turniererfahrung direkt an die Spieler weitergeben können.

In Mexiko wird seit langem über die berühmte "Hürde des fünften Spiels" bei Weltmeisterschaften gesprochen. Ist diese Generation bereit, Geschichte zu schreiben?

Ich denke schon. Jedes Mal, wenn ich interviewt werde – ob in Mexiko oder international –, kommt die Frage nach diesem verflixten fünften Spiel auf. Meine Antwort darauf bleibt dieselbe: Wir müssen schleunigst das Thema wechseln. Das Wichtigste im Fußball ist es, Schritt für Schritt zu gehen. Das allererste Spiel zu gewinnen, das ist es, was zählt. Erst danach kann man über ein viertes, fünftes oder sechstes Spiel nachdenken.

Etwas, das ich damals von den Deutschen gelernt habe – auch wenn sie dieses Mal leider schon ausgeschieden sind –, ist diese unerschütterliche Siegermentalität, wirklich nur von Spiel zu Spiel zu denken. Genau diese Mentalität verinnerlicht Mexiko gerade. Es ist völlig egal, ob wir am Ende über das fünfte oder sechste Spiel reden – wir gehen den Weg Schritt für Schritt und ziehen das durch, was uns bislang so stark gemacht hat.

Mexikos Achtelfinalduell mit England

Was für ein Spiel erwartest du gegen England?

Ich erwarte eine ganz ähnliche Dynamik wie gegen Ecuador: ein taktisch geprägtes, unheimlich schweres Spiel, das womöglich durch einen winzigen Fehler, eine Unachtsamkeit oder eine geniale Einzelaktion entschieden wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass Mexiko ähnlich wie gegen Ecuador ins Spiel finden wird: In den ersten 20 Minuten bis zur ersten Trinkpause Druck machen, diesen Schwung direkt nutzen und die Wucht der Fans aufsaugen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich das Gefühl, dass nicht nur die Stadionbesucher, sondern das gesamte Land eine spürbare Einheit mit dieser Mannschaft bilden. Als Spieler auf dem Rasen bekommt man das gar nicht in vollem Umfang mit, aber diese spezielle Energie im Aztekenstadion ist weltweit absolut einzigartig.

Es gibt Stimmen, die sagen, England habe noch nicht sein bestes Niveau gezeigt. Stimmst du zu?

Da stimme ich vollkommen zu. Bei allem Respekt vor den Three Lions: England ist spielerisch bislang weit hinter den hohen Erwartungen zurückgeblieben. Sie haben ihre Spiele vor allem dank der individuellen Qualität von Schlüsselspielern wie Harry Kane gewonnen, die in den entscheidenden Momenten eiskalt waren. Es ist natürlich immer ein riesiger Vorteil, wenn man Profis hat, die eine Partie im Alleingang entscheiden können.

Dennoch sehe ich hier eine riesige Chance für Mexiko. Es wird zweifellos schwer, aber so wie Mexiko aktuell auftritt – mit dieser Euphorie und diesem Schwung –, ist das einfach ihr Moment. Jetzt oder nie. Und sie haben eben diesen einen, gewaltigen Verbündeten: das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt, wo die Leidenschaft der Menschen Berge versetzen kann.

Also sollte sich eher England Sorgen machen als Mexiko?

Ich denke, für England wird es die Hauptaufgabe sein, nicht früh in Rückstand zu geraten. Wenn du weißt, dass eine Mannschaft mit dieser Wucht auf dich zukommt, musst du die Anfangsphase – die ersten 20 Minuten – irgendwie schadlos überstehen. Das wird der Schlüssel für die Engländer. Mexiko ist technisch enorm stark, extrem ballsicher und versteht es blendend, das Spiel über schnelle Dreiecksbildungen laufen zu lassen. Wenn Mexiko sein Spiel aufzieht, werden sie sich durchsetzen und dieses Match gewinnen.

Du hast selbst zwei Weltmeisterschaften gespielt, in Deutschland und Frankreich. Was geht in einem Fußballer vor, wenn vor dem Anpfiff die Nationalhymne ertönt?

In diesem Moment schießt dir unglaublich viel durch den Kopf. Du denkst an all die Träume, die du als kleiner Junge hattest, als du die Nationalelf im Fernsehen verfolgt und gehofft hast, irgendwann selbst dort unten zu stehen. Und dann stehst du da als Profi, siehst, wie die Fans auf den Rängen ihr Letztes geben und weißt, dass das gesamte Heimatland geschlossen hinter dir steht. Dafür gibt es schlicht keine Worte.

Es ist ein enormes Privileg, diese Erfahrung als Nationalspieler machen zu dürfen. Diese Emotionen wurzeln tief in der Kindheit – diese Hoffnung, das eigene Land auf der größten Bühne der Welt zu repräsentieren. Ich betone das immer wieder: Wir sind unendlich stolz und privilegiert, für unser Land aufzulaufen. Das ist das Größte für jeden Fußballer.

Was ist das Schwierigste an einer Weltmeisterschaft – das Körperliche oder das Mentale?

Ich glaube fest daran, dass es die mentale Komponente ist, denn am Ende steuert der Kopf den Körper. Wenn du mental absolut auf der Höhe und stark bist, kannst du noch so müde sein – du mobilisierst trotzdem die letzten Reserven. Eine brennend motivierte Mannschaft läuft einfach mehr und fightet um jeden Grashalm.

Natürlich ist eine professionelle Regeneration wichtig, aber der mentale Zustand eines Spielers beschleunigt den Erholungsprozess ungemein. Wenn du die mentale Frische besitzt, steuerst du auch die körperliche Müdigkeit viel besser und holst am Ende die gewünschten Ergebnisse.

Bundesliga-Erinnerungen und der Titelgewinn mit Stuttgart

Kommen wir zu deiner Zeit in der Bundesliga. Du warst einer der ersten Mexikaner, die die Meisterschale in den Händen halten durften. Was war für dich am Anfang in Deutschland die größte Hürde?

Die größte Herausforderung bestand wohl darin, die Menschen in Deutschland davon zu überzeugen, dass zwei Mexikaner – Ricardo Osorio und ich – das Zeug für die Bundesliga haben. Es war immerhin eine der anspruchsvollsten Ligen der Welt, geprägt von einer völlig anderen Kultur und einem ganz anderen Klima. Ich erinnere mich noch gut an unsere allererste Pressekonferenz in Stuttgart vor gut 50 Journalisten. Das Erste, was ich damals klipp und klar gesagt habe, war: Wir sind hierhergekommen, um Titel zu gewinnen.

Ich habe den Medienvertretern gesagt: 'Natürlich kenne ich diese Liga in- und auswendig. Ich kenne Bayern München, Dortmund, Schalke, Bremen, Hamburg, Leverkusen – all diese Top-Klubs, die immer oben mitmischen.' Ich habe den Wechsel nie als Risiko oder Hürde gesehen, sondern als gigantische Motivation.

Ich kam mit dem unbedingten Willen nach Deutschland, erfolgreich zu sein. Ich wollte den Traum, in Europa gegen die Besten zu spielen, einfach mit jeder Faser genießen. Als die Journalisten mich dann fragten, ob die Sprache nicht zu schwer sei oder ob mir der harte Winter keine Angst mache, habe ich geantwortet: 'Es ist mir völlig egal, ob hier Deutsch, Russisch, Japanisch oder Chinesisch gesprochen wird und wie kalt es draußen ist – ich bin hier, um Leistung zu bringen.'

Das Spiel selbst war natürlich eine enorme Umstellung: viel schneller, viel intensiver als gewohnt. Der Ball stand gefühlt nie still. In den ersten Wochen dachte ich auf dem Platz oft: 'Moment mal, lasst uns das Spiel doch erst einmal beruhigen und den Ball flach durch das Mittelfeld zirkulieren lassen, um Zeit zu gewinnen.' Diese Anpassung an das Tempo war intensiv, aber die Einstellung, mit der Ricardo und ich damals angetreten sind – dieser pure Hunger auf Erfolg –, war letztlich der Schlüssel zum Glück.

In der Saison 2006/07 habt ihr sensationell mit dem VfB Stuttgart die Meisterschaft gefeiert. Welche Erinnerungen hast du an diese Spielzeit und wann kam der Moment, an dem du fest an den Titel geglaubt hast?

Der Glaube war eigentlich von Beginn an da. Ich erinnere mich, wie Ricardo Osorio den Jungs in der Kabine prophezeit hat, dass wir eine echte Chance auf die Schale haben, wenn wir es schaffen, zur Winterpause unter den Top Vier zu stehen. Genau das war mein großer Traum, und Gott sei Dank sind wir letztlich sogar ganz oben gelandet. Als die Mannschaft dann auch in der Rückrunde von Januar bis Mai diesen großartigen Fußball durchgezogen hat, wusste ich: Wir sind bereit, bis zum Äußersten um diesen Titel zu kämpfen.

Der absolute Knackpunkt war das vorletzte Saisonspiel in Bochum, zeitgleich lief das Revierderby zwischen Schalke und Dortmund. Schalke lag in der Tabelle vor uns, dann wir wieder vor ihnen – es war ein wochenlanges, nervenaufreibendes Kopf-an-Kopf-Rennen um jeden einzelnen Punkt. Vor dem Anpfiff dachte ich mir: 'Wenn wir heute in Bochum gewinnen, haben wir es in der Hand, denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Schalke in Dortmund gewinnt.'

Und genau so kam es. Der Schlüsselmoment des Spiels war eine Szene, in der unser Torwart Timo Hildebrand einen Ball mit einem sensationellen Reflex quasi von der Torlinie gekratzt hat. In diesem Moment wusste ich: Diesen Titel lässt sich diese Mannschaft von niemandem mehr wegnehmen. Genau solche Big Plays entscheiden Meisterschaften. Am letzten Spieltag haben wir dann Cottbus empfangen, lagen erst unglücklich zurück, haben das Ding aber mit purer Willenskraft gedreht und die Schale geholt.

Du hast in Deutschland schnell Spitznamen wie "der Boss" oder "der Kommandant" bekommen. Stammten diese Namen von den Journalisten oder direkt aus der Mannschaft?

Das kam tatsächlich von beiden – sowohl von den Medien als auch von meinen Mitspielern aus der Kabine. Für mich ist das bis heute ein riesiger Grund zur Freude und zum Stolz. Die Erwartungen an uns zwei Mexikaner in einem völlig neuen Umfeld waren enorm. Ich denke, die Spitznamen resultierten einfach aus der positiven Energie und dem Schwung, den wir damals direkt von der WM 2006 mit nach Stuttgart gebracht haben.

Wann immer ich heute nach Stuttgart zurückkehre, spüre ich diesen tiefen Respekt. Die Menschen dort erinnern sich an uns als Deutsche Meister – das ist etwas, das für die Ewigkeit bleibt. Und es erfüllt mich mit Stolz, dort ein bleibendes Vermächtnis hinterlassen zu haben. Ricardo und ich haben uns vor dem Wechsel gesagt: 'In Mexiko kennt uns jeder, aber in Deutschland starten wir bei Null.' Dieses Wagnis haben wir gemeistert. Ich sage immer: Wenn du mit maximalem Einsatz, totaler Hingabe und ein bisschen Gottvertrauen an eine Sache herangehst, dann fügt sich am Ende alles zum Guten.

Erzähl uns ein bisschen von der damaligen Stuttgarter Kabine. Ihr hattet ein extremes Starensemble mit Spielern wie Mario Gomez, Khalid Boulahrouz, Cacau und später auch Sami Khedira. Wer war der emotionale Anführer und wer hatte die Lacher auf seiner Seite?

Das war wirklich eine faszinierende Mischung. Unsere größten Spaßvögel waren ohne Frage die beiden Schweizer Marco Streller und Ludovic Magnin – zwei absolut lebensfrohe Typen, die immer für einen Spruch gut waren. Mein Kumpel Ricardo Osorio war übrigens auch ein viel größerer Entertainer als ich; ich war in der Kabine eher der ruhige, fokussierte Part. Ricardo hat die Jungs ständig auf Spanisch vollgequatscht. Ich meinte dann oft zu ihm: 'Mensch Ricardo, die verstehen dich doch überhaupt nicht!' Aber er blieb stur dabei, dass sie ihn schon verstehen würden (lacht).

Der Teamgeist in dieser Truppe war einfach phänomenal. Wir hatten Fernando Meira als großartigen Kapitän. Durch die vielen Brasilianer, Mexikaner und Portugiesen hatten wir eine richtig starke lateinamerikanische Fraktion – dadurch habe ich damals sogar ein bisschen Portugiesisch gelernt. Dazu kamen Spieler von der Elfenbeinküste und aus Frankreich. Es war ein extrem bunter, internationaler Mix, während die deutschen Spieler meistens etwas ruhiger und zurückhaltender agierten.

Ich habe damals aus Spaß zu Ludovic Magnin gesagt, dass er im Herzen eigentlich gar kein Europäer sei, sondern definitiv zu uns Lateinamerikanern gehöre – so viel Lebensfreude und Temperament, wie er in die Kabine gebracht hat. Aber die sportlich und menschlich absolut zentrale Figur in diesem Meisterkader war für mich Marcus Babbel. Er war Europameister, hatte mit Liverpool den UEFA-Cup geholt und war mit Bayern mehrfach Meister geworden. Er war damals bereits 34 oder 35 Jahre alt. Unser Trainer Armin Veh sagte ihm direkt vor der Saison ganz offen ins Gesicht, dass er nicht mehr fest als Stammspieler eingeplant sei, weil man einem jungen Talent namens Serdar Tasci die Chance geben wollte. Marcus zuckte nur mit den Schultern und sagte: 'Alles klar, Chef, ich bin bereit, wenn man mich braucht.'

Für mich war diese professionelle Einstellung das entscheidende Puzzlestück für unseren späteren Erfolg. Nach dem Titelgewinn habe ich mich persönlich bei Marcus bedankt. Obwohl er im Fußball bereits alles gewonnen hatte, besaß er die enorme Demut, jeden Tag als Erster zum Training zu erscheinen. Er hat Serdar Tasci, der seinen Platz eingenommen hatte, mit all seiner Erfahrung unterstützt und gecoacht – das sagt einfach alles über seinen Charakter aus. Ich habe Marcus Babbel in der gesamten Zeit kein einziges Mal mit einer schlechten Einstellung oder auch nur eine Minute zu spät gesehen. Er war immer das absolute Vorbild, und die jungen deutschen Spieler orientierten sich an ihm. Mario Gomez stand damals noch ganz am Anfang seiner Karriere, sprühte aber schon vor Talent und Ehrgeiz. Genau diese Mischung aus Jugend und Routine hat uns damals unschlagbar gemacht.

Abschließend noch ein Blick auf die MLS: Wie bewertest du die Entwicklung der Liga in den letzten Jahren und wie sehr könnte Chicago Fire von einer Verpflichtung von Robert Lewandowski profitieren?

Die Liga hat in den letzten Jahren eine absolut atemberaubende Entwicklung hingelegt. Ich war unlängst auf einem Sportkongress und habe mich mit David Villa genau über dieses Thema unterhalten: Wie rasant sich das Niveau der MLS Jahr für Jahr verbessert. Da ich diesen Prozess über die Jahre selbst hautnah mitverfolgt habe, finde ich den aktuellen Status der Liga absolut folgerichtig. Mittlerweile wechseln absolute Weltstars nicht mehr nur zum Karriereabend dorthin, sondern weil sie Bock auf dieses Projekt haben. Das ist das Verdienst der Liga und ihrer Verantwortlichen. Die gesamte Infrastruktur und die Trainingsanlagen der Klubs können sich problemlos mit den absoluten Top-Adressen in Europa messen.

Wenn es Chicago Fire tatsächlich gelingen sollte, einen Kaliber wie Robert Lewandowski zu verpflichten, wäre das für eine Stadt mit einer so riesigen polnischen Community ein absoluter Meilenstein. Ich habe in der Bundesliga noch selbst gegen ihn auf dem Platz gestanden und wir alle wissen um seine außergewöhnlichen Qualitäten. Was er danach bei Barcelona geleistet hat und wie emotional die Fans dort auf seinen Abschied reagiert haben, unterstreicht sein sportliches Vermächtnis. Lewandowski ist ein absoluter Musterprofi – er wird auch in der MLS der Beste sein wollen. Das wäre sowohl für das Image der gesamten Liga als auch für Chicago Fire ein sportlicher Hauptgewinn.

Glaubst du, dass die MLS langfristig das sportliche und kommerzielle Niveau der US-Giganten NBA, NHL oder NFL erreichen kann?

Ja, das traue ich der Liga absolut zu. Da ich selbst in den USA gelebt habe, kenne ich die Mentalität und den Ehrgeiz der Amerikaner sehr gut. Wenn die sich ein Ziel setzen, wissen sie ganz genau, wie sie es erreichen. Es sollte uns also in ein paar Jahren keineswegs überraschen, wenn die MLS in diese Sphären vorstößt.

Schon heute ist Fußball (Soccer) der mit Abstand meistgespielte Sport unter Kindern und Jugendlichen in den USA – weit vor American Football, Baseball oder Basketball. Das zeigt ganz deutlich, welch tiefen und nachhaltigen Eindruck dieser Sport im Land hinterlässt. Und genau diese nachrückende Generation wird das wirtschaftliche und sportliche Wachstum der Liga in den kommenden Jahren massiv vorantreiben.